Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe „Plötzlich behindert“

„Plötzlich behindert – Der Schock und die neue Identität“ – eine Veranstaltungsreihe für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen hat die Bürgerstiftung Göttingen mit einer Auftaktveranstaltung unter diesem Titel begonnen. Im Gemeindehaus der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Göttingen kamen Interessierte zusammen.

Marie-Luise Habben, Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderungen, habe die Veranstaltung initiiert, die Organisation habe die Bürgerstiftung übernommen, so begrüßte Siegfried Lieske als Vorstandsvorsitzender der Stiftung die Gäste. Ziel der Auftaktveranstaltung sei es, wichtige Themen für vertiefende Einzelveranstaltungen im Herbst zu inden, ergänzte die Leiterin der Geschäftsstelle Gesundheitsregion Göttingen/Niedersachsen, Corinna Morys-Wortmann. Obwohl der Termin in die Urlaubszeit falle, habe man ihn beibehalten wollen, weil der Juli der „Pride-Month“ für Menschen mit Behinderungen sei. Der „Disabilitiy-Pride-Month“ soll Menschen mit Behinderungen sichtbar machen und ihre Selbstbestimmung, Gleichberichtigung und Vielfalt in den Mittelpunkt stellen.

Engagement im Beirat für Menschen mit Behinderungen

Marie-Luise Habben ist seit 2018 Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderungen, dessen Aufgabe es ist, den Rat der Stadt und Einzelpersonen bezüglich der Anliegen von Menschen mit Behinderungen zu beraten. Sie habe selbst die Erfahrung gemacht, von 100 auf 0 geschaltet zu werden.

Berührend schildert es die Frau im Rollstuhl: Kurz vor ihrem 24. Geburtstag habe sie einen schweren Unfall erlitten, seither sei sie halbseitig gelähmt. Als Studentin sei sie bei den Johannitern aktiv gewesen. Auf dem Weg einem anderen Menschen zu helfen, habe sie sich ihren Kopf so heftig gestoßen, dass es zu einer Massenhirnblutung gekommen sei, eine solche Komplikation kann zum lebensgefährlichen Anstieg des Hirndrucks führen und endet laut Habben sehr oft tödlich. Sie überlebte nach acht Wochen im Koma und sechs Wochen mit künstlicher Beatmung. Nach einer Früh-Reha wurde sie in ein Pflegeheim für Senioren „abgeschoben“. Aber dort wollte sie nicht bleiben, sie kämpfte erfolgreich. Nun kann sie anderen Betroffenen helfen.

Habbens Fall zeige, dass man als Mensch mit Behinderung nicht nur seine körperlichen Fähigkeiten verliere, sondern auch die Selbstbestimmung, kommentierte Morys-Wortmann. In solchen Situationen zeige sich schnell, wer mit einem gehe, sagte Habben. Aus der Zeit vor dem Unfall seien wenige geblieben.

Angehörige erzählte ihre Geschichte

Als Angehörige eines behinderten Menschen erzählt Agathe Amouret ihre Geschichte. Ihr Partner habe mit 29 Jahren, vor fünf Jahren, einen Schlaganfall erlitten. Mehrere Wochen sei er im künstlichen Koma gewesen, danach sei er in die Früh-Reha gekommen, von dort sei er wie Habben in ein Seniorenpflegeheim weitergeleitet worden. Erst nachdem Amouret eine behindertengerechte Wohnung gefunden und alle erforderlichen Anträge gestellt hatte, konnte sie ihren Partner nach zwei Jahren mit Unterstützung rund um die Uhr wieder in die eigene Wohnung holen. Mittlerweile habe er sein Studium wieder aufgenommen.

Eine der Zuhörerinnen im Rollstuhl nannte den Hausarzt als erste Anlaufstelle, wenn der oder die Betroffene die erforderlichen Wege nicht eigenständig bewältigen könne. Habben betonte, dass es wichtig sei, einen unerwartet behinderten Menschen nicht in Watte zu packen, damit er – im übertragenen Sinne – wieder auf die Füße komme. Amouret erklärte, ihr hätte es geholfen zu wissen, worauf ihr Partner Anspruch hatte. Manchen Antrag hätte sie dann schneller gestellt.

Schwierige Suche nach den richtigen Anlaufstellen

Was passiere mit all den Menschen, die nicht so starke Fürsprecher hätten, fragte eine Zuhörerin in die mit rund 20 Menschen besetzte Runde, nachdem Amouret berichtet hatte, wie schwer es anfangs gewesen sei, die richtigen Anlaufstellen zu finden. Wichtige Informationen dazu, wo sich Betroffene und Angehörige Hilfe holen können, konnte Erik Kleinfeldt von der Selbsthilfe Körperbehinderter liefern.

Zum Abschluss gab es Veranstaltungshinweise: Am 26.8. von 16 bis 18 Uhr informiert der Südekum Gesundheitspark Göttingen, Groner Landstraße 23, vornehmlich ältere Menschen darüber, wie sie mittels technischer Unterstützung barrierearm in den eigenen vier Wänden leben können.

Außerdem plant und unterstützt die Bürgerstiftung in Kooperation mit dem Diakonieverband des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises das Projekt „Es ist angerichtet“. Hier werden pflegende Angehörige in ein Restaurant eingeladen und bekommen dort die Möglichkeit zum Austausch. Bei Bedarf werden ein Abholdienst und eine Betreuung der zu pflegenden Person eingerichtet. Angehörige können sich unter post@buergerstiftung-goettingen.de melden.

Quelle: HNA vom 30.07.2026

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