Bürgerstiftung unterstützt Friseuraktion der STRASO

Förderung aus „Hand in Hand für Norddeutschland“.

Sozial benachteiligte Menschen erhalten einen kostenfreien Haarschnitt.

(Bildquelle: Göttinger Tageblatt)

„Wie ich draußen rumgelaufen bin, war mir egal“

Massoumeh Nouhjah ist selbständige Friseurin und hat einen eigenen Salon im Göttinger Ostviertel. Am Dienstag hat sie jedoch einmal in einem ganz anderen Umfeld gearbeitet: bei der Straßensozialarbeit des Diakonieverbandes im Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen-Münden. Die „Straso” ist eine Anlaufstelle für Wohnungslose oder anderweitig auf Sozialhilfe angewiesene Personen mit einer Vielzahl von Hilfsangeboten. Dazu zählt auch die heutige Friseuraktion, bei der Bedürftige einen kostenfreien Haarschnitt bekommen.

Die Aktion gibt es seit mittlerweile acht Jahren und ist laut Straso-Abteilungsleiter Mike Wacker seitdem stark nachgefragt: Alle sechs bis acht Wochen findet sie statt, die Liste zur Anmeldung in der Straso in der Tilsiter Straße 2a sei stets nach kurzer Zeit voll. Jeweils zehn Leute finden pro Tag Platz.

Paul ist eine der zehn Personen, die sich an diesem Tag für einen Haarschnitt eingetragen haben. Er heißt nicht wirklich Paul – seinen echten Namen möchte er nicht verraten. Er war ein halbes Jahr lang obdachlos, davon zweieinhalb Monate in Göttingen. Den Kontakt zur Straso habe er über die Heilsarmee erhalten. „Es gibt mir einfach Struktur. Ich stehe um 8 Uhr auf und komme sofort um 9 Uhr her, um mit Freunden zu frühstücken. Ich bin jeden Tag hier“, sagt Paul – und das auch, nachdem er vor einigen Tagen seine eigene Wohnung bezogen hat.

Zum zweiten Mal lässt Paul sich nun hier die Haare schneiden. „Für mich ist die Aktion sehr wichtig. Ich kriege Bürgergeld und das sind 20 bis 25 Euro, die ich mir spare.“ Während seiner Zeit auf der Straße sei ein Haarschnitt nebensächlich gewesen: „Die Priorität sind Essen, Grundhygiene, und dann kommen solche Sachen. Wie ich draußen rumgelaufen bin, war mir recht egal, darüber macht man sich einfach keine Gedanken“, sagt Paul.

„Ein Haarschnitt ist für viele unserer Klienten ein Luxus, den sie sich anderweitig nicht leisten könnten oder würden“, sagt Straso-Abteilungsleiter Wacker. Viele Wohnungslose würden normalerweise kaum bis gar nicht zum Friseur gehen, auch aus Scham. „Hier haben sie einen sicheren Raum, in dem sie angenommen werden und Hilfe auch leichter annehmen können. So ein Haarschnitt gehört auch zur sozialen Teilhabe.“

Zustimmend nickt Siegfried Lieske, der Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Göttingen, die das Projekt seit knapp einem Jahr fördert. „Ich glaube, dass es ein schönes Erlebnis für die Menschen ist, jemanden zu haben, der sich zumindest eine Viertelstunde oder 20 Minuten um sie kümmert und sie pflegt. Da ist es am Ende weniger wichtig, wie genau die Haare aussehen, es geht einfach um mehr.“ Laut Wacker ist das Projekt von Drittmitteln abhängig, sodass zuvor immer wieder Sponsoren gesucht werden mussten. „Diese längerfristige Unterstützung ist deshalb wirklich toll“, sagt er.

Wie wichtig die Aktion ist, zeigt auch ein Gespräch mit Frau Schmidt, die sich heute gemeinsam mit einer Freundin die Haare schneiden lässt. Sie ist auf einem Auge blind und nicht arbeitsfähig, somit erhält sie staatliche Hilfe durch Grundsicherung und Bürgergeld. „Bei meinen Haaren bezahle ich beim Friseur locker 30 Euro, das kann ich mir mit der Grundsicherung nicht leisten“, sagt sie.

Die Tierarztkosten ihrer Katze, so Schmidt, würden bereits einen Großteil des Budgets einnehmen. Wie würde sie sich sonst die Haare schneiden lassen? „Gar nicht. Ich nehme ein Zopfgummi, binde die Haare zusammen und schneide sie ab, wenn sie zu lang werden.“ Somit mache die Möglichkeit eines kostenlosen Haarschnitts einen großen Unterschied.

Trotz ihrer Einschränkung arbeitet Schmidt ehrenamtlich bei der Göttinger Brot-Galerie, einem Projekt zur Eingliederung von seelisch erkrankte Personen. Da man ihr ihre Behinderung nicht direkt ansehe, sei sie dennoch regelmäßig mit Vorurteilen und Abwertung konfrontiert. „Kommentare wie ‚Die tut nur so, die braucht keine Hilfe‘ versuche ich, mir nicht zu Herzen zu nehmen. Ab und zu bleibt es aber doch im Kopf hängen und versaut einem den Tag“, sagt Schmidt. Dieses Projekt erinnere sie daran, wie viele nette Menschen es gibt.

Für Friseurin Massoumeh Nouhjah ist die Friseuraktion eine Herzensangelegenheit. Der Diakonieverband habe ihr geholfen, als sie einst als alleinerziehende Mutter nach Deutschland kam. „Ich habe Hilfe bekommen. Warum sollte ich sie also nicht auch weitergeben?“ Ob die Arbeit anders ist, als bei ihr im Friseursalon? „Total, die Menschen freuen sich noch viel mehr über jeden Haarschnitt. Sie sind wirklich glücklich.“

Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 19.03.2026, Seite 10

weitere Berichte

Entdecken Sie die neuesten Pressemitteilungen und bleiben Sie über aktuelle Entwicklungen und Projekte der Bürgerstiftung informiert.